Gewalt in Familien


Dass Männer ihre Frau oder Lebensgefährtin umbringen, weil diese sie verlassen möchte, daß sie ihre Kinder sexuell ausbeuten oder daß Eltern ihre Kinder bis zum Tod mißhandeln, eilt als Schreckensmeldung in Regelmäßigkeit durch die Medien. Schock, Unverständnis und Wut erhitzen für kurze Zeit die Gemüter. Gewalt in Familien umfaßt eine Vielfalt an physischen, psychischen und sexuellen Formen; sie charakterisiert nur zu oft den Alltag als daß sie eine Ausnahme darstellt. Die aus Studien bekannten relativ hohen Vorkommenszahlen kratzen massiv am idealtypischen Bild der Familie als Ort der Geborgenheit. Gesellschaft und Kirche sind herausgefordert, sich in ihren Stellungnahmen und politischen Entscheidungen dieser Realität zu stellen. Gewaltvorkommen lassen sich nicht nur auf die Tat des einzelnen Mannes oder Elternteiles reduzieren, sondern werden durch strukturelle Gegebenheiten und bestimmte Überzeugungsmuster abgestützt.

Um einer Eskalation der Gewalt in sozialen Nahbeziehungen entgegensteuern zu können, bedarf es eines fundierten Wissens über die Bedingungen, unter denen Übergriffe stattfinden, über die Dynamik in Gewaltbeziehungen, über mögliche Reaktionsweisen der Opfer und über die Motivationen der Täter. Institutionen, die sich dem Wohl der Familie verpflichtet fühlen, sind durch das Bedrohungspotential, das Gewalt für das System Familie bedeutet, herausgefordert, einen Perspektivenwechsel vorzunehmen: von der Perspektive der Systemerhaltung um jeden Preis muß zur Perspektive des leidenden Individuums im System gewechselt werden - mit dem Ziel eines friedvollen und gedeihlichen Zusammenlebens für alle Familienmitglieder.