Projekt Gottesdienst


Noch immer nehmen fast 1 Million Österreicher an den Sonntagsgottesdiensten teil. Damit ist die Messe immer noch die "publikumswirksamste" Veranstaltung der Kirche. Manche der Mitfeiernden gehen enttäuscht weg, andere sind begeistert.

Das Projekt ist daher der Grundfrage nachgegangen, was in den Augen der einzelnen Menschen die "Qualität" einer Sonntagsmesse ausmacht.

Was ist Ihnen im Gottesdienst wichtig? - Was stört sie? - Mit welchen Erwartungen kommen Sie? - Wie gehen Sie weg?
Im Zuge des Projektes "Gottesdienst - Einstellungen - Erwartungen - Wahrnehmungen" wurde in zwei Phasen die "vox populi" befragt:

  • Einerseits wurden mittels "Fallstudien" durch Fragebogen und Interviews die konkreten Erfahrungen mit einer Messe erhoben
  • Andererseits wurde Ende Jänner 2003 eine Befragung von Personen, die regelmäßig oder sporadisch den Gottesdienst mitfeiern, durchgeführt hinsichtlich ihrer bisherigen Gottesdiensterfahrungen

 

Ziel des Projektes

war es, die Motive der den Gottesdienst Mitfeiernden zu erheben und dadurch zu einem differenzierteren Verständnis des Gottesdienstes in der Großstadt zu gelangen.

Das im Jahr 2002/03 unter Federführung von Dr. Markus Beranek durchgeführte Projekt "Gottesdienstqualität" umfasste zwei Phasen:

  1. Es wurden im Rahmen eines Seminars, das gemeinsam mit dem Institut für Liturgiewissenschaft durchgeführt wurde, in drei Pfarrgemeinden jeweils eine Sonntagsmesse besucht und ausgewertet. Dieses erfolgte in drei Schritten:
    a. Die Studenten füllten einen auf die Korrektheit der liturgischen Formen abgestimmten Fragebogen aus. Die Ergebnisse flossen in die Rückmeldung an die Pfarren ein.
    b. Mittels eines einfachen Einreißfragebogens wurden alle Gottesdientteilnehmer zu grundlegenden Eindrücken befragt
    c. Mit jeweils sechs Personen (darunter der Vorsteher der Feier) wurde ein Interview geführt anhand vorbereiteter Leitfäden (qualitative Sozialforschung).

  2. In einer zweiten Phase wurden ca. 170 Personen gebeten, an einer sehr ausführlichen Befragung teilzunehmen, die mittels der vom Medienforscher S. Gall entwickelten Reactoscope Methode durchgeführt wurde. Der Fokus lag dabei auf der Aufarbeitung bisheriger Gottesdiensterfahrungen bestimmter Personen mit besonderer Betonung auf Predigt und Wirkung von Musik.

Die Ergebnisse sind einerseits an die Pfarren zurückgemeldet worden, andererseits in eine abschließende Publikation eingeflossen:

Paul M. Zulehner/Markus Beranek/Sieghard Gall/Marcus König:
Gottvoll und erlebnisstark.Für eine neue Kultur und Qualität unserer Gottesdienste
Ostfildern (Schwabenverlag) 2004

Vertiefend ist durch Dr. Marcus König auch eine Dissertation erstellt worden zu diesem Thema.


Wichtige Erkenntnisse im Überblick:

Gottesdienstqualität als neue spirituelle Qualität

Das Projekt "Gottesdienstqualität" fordert die Gemeinden heraus: Schaut bei euch, wo und wie die Kultur eurer Messfeiern aussieht. Was suchen die Menschen, die zur Messe bei uns kommen? Wie können wir feiern, sodass dieses Sakrament, dass die Auferstehung Christi für sie relevant wird? Einen allgemeinen Idealgottesdienst kann es daher nicht geben. Die Arbeit vor Ort, Menschen nach ihren Erwartungen zu fragen, und zu erspüren, wohin ihre Sehnsucht geht, kann den Pfarrverantwortlichen nicht abgenommen werden – ebenso wenig wie die Entwicklung einer Feierkultur der ganzen Gottesdienstgemeinde. Aber das Projekt ermutigt: Es zahlt sich aus, genau hinzusehen. Die Forschungsergebnisse des Projektes "Gottesdienstqualität" haben wertvolle Hinweise gegeben, wo es sich auch für die Entwicklung der Pfarrgemeinde lohnt, Energie und Zeit zu investieren:

  • Eine qualitätvolle Eucharistiefeier erweist sich zuallererst darin, dass sie einen Raum eröffnet, in dem den feiernden Christen die "Gotteserfahrung aus erster Hand" nicht durch Störfaktoren verstellt wird. Es geht daher nicht um ein "Reden über Gott", welches allzu leicht in ein formelhaftes "Gottesgeschwätz" umschlägt. Ziel ist es, die Anwesenheit Gottes im Herzen eines jeden Menschen urpersönlich spürbar machen. Gottessuche und die Reise ins Innere fallen im Tiefsten als in Eins. Die Gottesdienste der Kirche helfen dabei, dass ein Mensch vor Gott gerät. Messen inszenieren die "Gottesgefahr": In der Konfrontation mit dem Wort Gottes, in der Feier der Eucharistie mit der schwer ertragbaren Botschaft, dass nur durch Leid und Tod hindurch (und nicht in der Vermeidung derselben) Leben für immer erreichbar ist. In diesem Sinn "mystagogisch–spirituelle" Gottesdienste ermöglichen den Mitfeiernden Emmauserfahrungen: "Beim Brechen des Brotes gingen ihnen die Augen auf und sie erkannten ihn". Immer wieder stellt sich aber die Frage: Lässt Du Dich auf den Weg des Gekreuzigten ein?
         
  • In der Messfeier wird der Horizont immer stark geweitet und Einbindung in ein immer größers Ganzes erfahrbar gemacht (vgl. im Hochgebet: "In Gemeinschaft mit Bischof, Papst, allen Christen, mit Verstorbenen..."). Auch der zeitliche Horizont wird geweitet: Gott wird die Welt zu einem guten Ende führen, jetzt sind wir schon ein Teil davon. In der Kommunion wird Eins Sein untereinander und so mit Gott "eressbar". Suchenden nach Einbindung, Weite sowie nach einer Neuen Welt gilt es diese Dimension zu erschließen.

  • Qualitätvoll ist die Eucharistiefeier, wenn sie die heilende Dimension der Kirche als Heil–Land rituell entfalten kann: Menschen sind heil, wenn sie sagen:
    • "Ich habe gute Kontakte und das Gefühl sozialer Geborgenheit";
    • "Ich habe das Gefühl, dass das Leben sinnvoll ist und eine Zukunftsperspektive hat";
    • "Ich vertraue darauf, mit den Anforderungen des Lebens umgehen zu können
    • "Ich glaube, dass ich etwas verändern und gestalten kann" 

Was brauchen also heilvolle Gottesdienste?

  • Erstens die Erfahrung einer Gemeinschaft, die trägt und in der auch "Außenseiter" willkommen sind: "Qualität durch Teamgeist". Die Untersuchung hat gezeigt, dass der überwiegende Teil der Befragten Gemeinschaft suchte und fand. Je mehr die Mitfeiernden sich untereinander kennen und auch außerhalb der Feier miteinander zu tun haben, desto "qualitätvoller" und relevanter ist die Sonntagsmesse.
  • Zweitens vermittelt die Messfeier, das selbst dort Sinn und Zukunft ist, wo keine mehr zu sein scheint: Im Leiden, im Sterben, in der Preisgabe all dessen, was menschlichen Leben bereichert. Wer glaubt, wird nicht so leicht depressiv!
  • Drittens erfahren Menschen Verbindung mit der göttlichen Kraft. Messe wird für sie zur Tankstelle, um mit dem schwierigen Alltagsproblemen besser umgehen zu können. Spirituelle Suche und heilende Begegnung mit Christus sind sich hier sehr nahe. In Gesprächen mit Kranken und Trauernden erweist sich oft, dass Glaubende "es leichter haben, damit umzugehen." Es ist gut, z.B. in der Predigt von solchen Erfahrungen Zeugnis zu geben. Das Motto für die Predigt ist: "Was wir gesehen und gehört haben… das berichten wir euch" (vgl. 1 Joh 1,1)
  • Viertens wird in der Messfeier der Mensch vor Gott gestellt, der ihn einlädt, an seinem Werk mitzuarbeiten. Deutlich wird dies auch durch die Einladung zur aktiven Teilnahme am Feiergeschehen ("participatio actuosa"). "Qualität durch Teamgeist" ist gefragt: Jeder ist Mitspieler. Je mehr Möglichkeiten da sind, sich zu beteiligen, je besser alle Dienste verteilt sind, je mehr Möglichkeiten die Feier mit vorzubereiten gegeben sind, desto mehr werden die passiven Konsumenten zu mitfeiernden Christen. Wer am Ganzen beteiligt ist, identifiziert sich auch damit. Über den Kontext der Feier hinaus werden die Messfeiern auch Quellen für Kirchenberufungen im gemeindlichen Kontext, wo der Christ sich nicht mehr fragt "Was bringt mir die Mitfeier?", sondern fragen lernt: "Wo bringe ich Gott etwas?"   

  • Sicherlich braucht es auch eine Vielfalt an verschiedenen Gottesdienstgestaltungen, da die Menschen ganz unterschiedliche Stilvorlieben haben. Gerade in der Stadt ist die Vielfalt unterschiedlicher Gottesdienst­formen eine Chance! Dies bedeutet eine Ermutigung für Gemeinden: Entdeckt euer spezifisches Profil – gestaltet, was ihr gut könnt, und lasst andere Formen den anderen. Nicht jede Pfarre muss einen tollen Jugendgottesdienst anbieten – dafür gibt es vielleicht kindgemäße Familiengottesdienste. Das Motto der Zukunft wird sein: Weniger Gottesdienste – dafür diese besser gestalten – und Zusammenarbeit mit den Nachbarn!

  • Es hat sich auch gezeigt, dass wir der "Qualität ohne Worte" der Symbole vertrauen können, statt dem Übergewicht des gesprochenen Wortes. Gott mit allen Sinnen erfahrbar machen und die Kraft des Rituellen auszuschöpfen – das ist die Stärke christlicher Gottesdienste. Gerade im Gottesdienst ist daher ein waches Gespür notwendig für die Verwendung und die sinnliche Ausgestaltung von Symbolhandlungen. Es braucht den Mut zu einer Neuentdeckung der Sinnlichkeit der Messfeier: Etwa die Verwendung von Rotwein, echtes Brot, gemeinsames Teilen der Eucharistie, Ausfaltung von Prozessionen, die richtige Botschaft der Körpersprache usw. Dort, wo sich die Symbole und Riten aber den Menschen heute nicht mehr von selbst erschließen, gilt es mystagogisch gemeinsam den Sinnzusammenhang neu zu erschließen oder neue zu finden: "liturgia est semper reformanda".


„Wir haben die Herrlichkeit Gottes gesehen“
Anhand einiger Beispiele hat sich gezeigt, dass gerade christlicher Gottesdienst mit seiner Gottes- und Menschennähe den Suchenden helfen kann, die diffuse Gottessehnsucht deutlicher werden zu lassen. Glaubenserfahrene können aus ihrer eigenen Erfahrung Suchrichtungen erschließen und helfen, falsche Wege, die nicht zum Ziel führen, zu vermeiden. Die Gottesdienste der Gemeinde werden dann für Suchende erste Adresse sein, wo ihre Suche ernstgenommen wird, ohne dass sie vereinnahmt werden. Glaubensmeister werden aus ihrem Alltag berichten und feiern, dass der Weg der Hingabe und Loslassens des Lebens der Weg zu heilem Leben, zu einer Neuen Welt und zu unendlicher Weite ist. Die Suchen werden die Mitfeiernden als tragende Gemeinschaft erfahren, die sich alle als Mitarbeiter an der Entstehung der Neuen Welt sehen. Suchende werden für Gotteserfahrung aus erster Hand geöffnet und erkennen, dass Sie vor allem Suchen immer schon von Gott Gefundene sind – und dass es nur darauf ankommt, sich von Jesus finden und rufen zu lassen (so wie Petrus oder Paulus, der sich zuerst nicht finden lassen wollte!). Sie werden durch symbolstarke, schöne Gottesdienste hinausgehen und wie einst die Gesandten des Neune Kiewer Fürstentums berichten: "Wir wussten nicht, ob wir im Himmel waren, denn auf der Erde gibt es keinen solchen Anblick, auch nicht eine derartige Pracht. Wir sind außerstande, darüber zu berichten, wir wissen nur, daß Gott wahrhaftig unter den Menschen weilt und daß ihr Gottesdienst besser ist als bei allen anderen Völkern" (Vgl. Wolle, Stefan: Wladimir der Heilige. Russlands erster christlicher Fürst, Berlin 1991, 138. – er zitiert aus der Nestorchronik [Povest´vremennych let].)